Clifford Stoll, Jahrgang 1951, ist Astronom, lehrt auch an Schulen, lebt in San Francisco, programmiert seit den 60-er Jahren und war am Aufbau des Internets beteiligt. Deswegen erscheint es auf den ersten Blick recht verwunderlich, wenn jemand wie er behauptet, dass Computer im Unterricht selten nutzen, oft aber schaden, und fordert, dass Computer im Klassenraum nichts zu suchen haben.
Mir fiel eine Kurzrezension zu Clifford Stolls Buch in die Hände. Sie machte mich sofort neugierig, weil sich auch mir nach anfänglicher Begeisterung für Computer in der Schule heftig Skepsis breit macht. Seit mehreren Jahren benutze ich ältere PCs in meiner Klasse und habe versucht, auch andere Klassen für den Gebrauch von PCs zu begeistern. Einige Jahre habe ich in einer Computerschule unterrichtet. Aber je weiter die Nutzung des Computers in der Schule organisiert wird, desto weniger kann ich mich damit anfreunden, wie Bildungspolitiker und andere Lehrer sich inzwischen die Arbeit mit Computer und Internet vorstellen. Da kommen mir Stolls Argumente sehr zu Hilfe, auch wenn ich keinen meiner alten PCs aus dem Klassenraum werfen will. Meine PCs haben fast nichts gekostet, die verwendete Software war sehr günstig im Kauf, und die Wartung ist kostenlos, weil sie mir Spaß macht. In meiner Klasse, erwarte ich, läuft für die Kinder das Gegenteil von dem ab, was Stoll befürchtet. Der Computer ist für die Kinder meines ersten Schuljahrs ein Gerät mit einem umrissenen Einsatzgebiet, aber kein Ersatz für Wandtafel, Schulbücher und persönliche Gespräche. Kein Kind der Klasse dürfte von einem Computer Wunderdinge erwarten, vor allem nicht in Bezug auf das Lernen. Die Forderung, dass jede Schule ans Internet angeschlossen sein soll, ist meiner Meinung nach sicher nicht verkehrt. Völlig überzogen erscheinen mir hingegen die Erwartungen, die daran geknüpft werden. Abschreckend finde ich fast alles, was die Lehrbuchverlage als Lernsoftware anbieten: Um die Programme nutzen zu können, ist meist neueste und teure Hardware erforderlich. Man staunt oft über die eingebauten Möglichkeiten, die Multimedia bietet. Es mag auch sein, dass es Kindern Spaß macht, sich mit der CD-ROM zu beschäftigen. Nur bleibt leider bei Spiel und Spaß das Lernen auf der Strecke. Da bin ich mit Stoll genau auf einer Linie: Computer und Internet sind teuer, verbauen oft den Blick auf Wesentliches und ersetzen niemals Lehrer und Unterricht.
LogOut - Warum Computer nichts im Klassenzimmer zu suchen haben und andere High-Tech-Ketzereien, S. Fischer Verlag 2001, DM 29,90
Ich stelle hier einige Thesen aus dem Buch heraus:
Umfassendes spezialisiertes Computerwissen ist sinnlos
Clifford Stoll stellt einige Beispiele heraus, die zeigen, dass so genanntes Computerwissen isoliert reichlich überflüssig ist. Den Umgang mit dem Scanner an der Kasse oder das Schreiben mit einer Textverarbeitung lernt man in kurzer Zeit. Das oft vertretene Argument, dass man den Umgang mit Computern leichter lernt, wenn man jung ist, lässt er nicht gelten. Das sei so bei Sprachen, nicht jedoch bei Geräten. Ein umfassendes Computerwissen braucht kaum jemand. Auch dass Computer sich in unserem Leben immer mehr verbreiten, ist kein Argument, ihren Umgang ausführlich in den Unterricht einzubeziehen. Beispielsweise Autos nehmen in unserem Leben einen großen Stellenwert ein, ohne dass sie im Unterricht herausragend erscheinen. Stoll zählt Beispiele auf, in denen Wissen zu Computern und Internet in der Schule als Selbstläufer auftritt, also die mediale Aufbereitung wichtiger wurde als die Inhalte.
Lernen muss nicht unbedingt Spaß machen
Stoll gesteht durchaus zu, dass Kinder gern an Computern arbeiten. Leider bezieht sich oft die Freude auf die spielerischen Elemente als auf das Lernen. Viele Lernprogramme passen ihre Lerninhalte den Multimediamöglichkeiten an. Kinder hassen die Aufgaben, die ihnen zwischen den Spielsequenzen im Weg stehen. Die alte Weisheit, dass Lernen oft Mühe macht und anstrengend sein kann, bleibt nach wie vor bestehen. Lernen muss und kann auch nicht dauernd Spaß machen. Wissen dagegen kann durchaus Freude bereiten.
Computer kosten viel mehr, als man zunächst denkt
Erschreckend findet Clifford Stoll, wie leichtfertig große Beträge in ein so schnell verderbliches Gut wie Computer investiert wird. Ein PC, der neu 2000 Mark kostet, ist nach fünf Jahren wertlos. Gehen Behörden oft extrem kleinlich mit Ausgaben in anderen Bereichen, vor allem im Personalbereich um, haben sie keine Hemmungen, teure Computer anzuschaffen. Computer sind teuer aus mehreren Gründen: Sie erfordern Anschaffungskosten, Kosten für Installationen und Wartungen, weil man von Lehrern nicht erwarten soll, dass sie ein Netzwerk pflegen können, Kosten für dauernd erforderliche Updates der Software. Sie kosten nebenbei auch Zeit: Ein Lehrer, der Software an seinen Unterricht anpasst, investiert Zeit, die ihm möglicherweise an anderer Stelle fehlt.
Laptops sind für Schüler meist besonders ungeeignet
Besonders unsinnig erscheint Stoll die Forderung, jeder Schüler solle in seiner Schultasche ein Laptop haben. Im Gegensatz zu Büchern sind Laptops extrem teuer, extrem bruchgefährdet, extrem kurzlebig (besonders der Akku), extrem diebstahlgefährdet und extrem eingeschränkt im nutzbaren Raum.
Kinder gehören nicht so oft vor den Bildschirm
Völlig überflüssig ist es, den Umgang mit Computern immer weiter im Kleinkindalter beginnen zu lassen. Kinder lernen ohnehin, auch etwas älter, leicht die erforderlichen Fertigkeiten. Es ist unverständlich, dass gleichzeitig versucht wird, Kinder vom Fernsehen abzuhalten und sie für die Beschäftigung mit dem Computer zu gewinnen. Das Argument, Computer wären dafür ja schließlich auch interaktiv, lässt Stoll nicht gelten, denn die Interaktivität ist nur auf eine Maschine gerichtet.
Rechner und Rechenmaschinen tragen kaum zum Verstehen bei
Hier wiederholt Clifford Stoll die bekannten Erfahrungen: Taschenrechner und Computer sind durchaus gute Rechenhilfen. Allerdings können sie nur dann helfen, wenn grundlegendes Wissen über das Rechnen schon vorhanden ist. Bei einer Sachaufgabe muss dem Schüler schon auffallen, dass ein Fernsehturm nicht weniger als einen Meter hoch sein kann, und wie soll man das Ergebnis bewerten, wenn die Aufgabe 1:3x3 0,999999 ergibt?
Cyberschulen können bestenfalls Roboter heranbilden
Für eine funktionierende Schule ist es unabdingbar, dass eine Beziehung zwischen Lehrern und Schülern besteht. Lehrer können ihre Schüler für Themen begeistern, sie können sie bei Misserfolgen ermuntern, sie können Begabungen erkennen und fördern, sie können trösten und Beziehungen aufbauen. Lehrer brauchen den Kontakt zu ihren Schülern, sie wollen Rückmeldungen. Clifford konstruiert das Bild einer Cyberschule, aber es ist erschreckend.
Die Arroganz der Technikfreaks ist eine Triebfeder für die Computerwelle
Stoll glaubt, auf dem Gebiet des Computers erleben wir etwas, das sich ständig wiederholt: Es waren Filme, die jede Art von Unterricht revolutionieren sollte. Filme haben immer noch ihren Platz im Unterricht, führen aber ein Dasein am Rand. Der Schulfunk brachte keine neue Dimension, und auch nicht das Schulfernsehen. Stellen wir uns Computer aus der Sicht von 2010 vor, ist wahrscheinlich nichts Besonderes an ihnen zu bemerken. Aber jetzt vertreten die Technikfreaks ihre Theorie mit solcher Vehemenz, dass sich jeder, der anderer Ansicht ist, dumm oder ausgegrenzt vorkommen muss.
Macht erlangt man nicht durch Informationen
Der Spruch „Information ist Macht“ ist Unsinn. Demnach müssten schon lange Bibliothekare die mächtigsten Menschen sein. Das sind aber Politiker, von denen behauptet wird, ihnen fehlten ständig Informationen. „Wissen ist Macht“ hieß der Satz ursprünglich, und sogar der kann leicht in Zweifel gezogen werden.
Clifford Stoll behandelt noch mehr Thesen, alle mit vielen Beispielen angereichert und sehr einleuchtend geschrieben. Das Buch ist mit ca. 30 Mark eine gute Investition. LogOut ist ein Buch, das provozieren soll. Es ist ganz bewusst gegen den Zeitgeist geschrieben. Vielleicht gesteht man ihm zu, dass es an manchen Stellen übertreibt. Aber ich bin der Meinung, Stolls Argumente und Thesen außer Acht zu lassen, wäre grob fahrlässig. Auch schlimm wäre es, wenn all diejenigen, deren berufliches Credo sich in dem Satz zusammenfassen lässt: „Das haben wir schon immer so gemacht“, Stoll als ihren Anwalt betrachteten.
Peter Oberem